Da fehlt noch was…

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Vor zehn Jahren wurde hier am Leonhardsgraben ein neuer Baum gepflanzt. Damals wurde diese Tat in der BaZ folgendermassen besungen:

Hüte Dich vor Barbara

Hier an dieser Stelle haben wir sie beweint, die alte Rosskastanie am Basler Leonhardsgraben. Mit stolzen 100 Zentimetern Umfang musste sie letztes Jahr weichen, zuerst noch von künstlerisch angesetzter Kettensäge zur Frau gemacht. Wie haben wir mit ihr durch den letzten Winter gefroren, der weissen nackten Holzgestalt, hier am Ausgang der Passage.* Doch jetzt ist die Ankündigung «es kommt wieder einer», die der Regierungsrat auf dem Weg zum nahen Arbeitsplatz gemacht hatte, sie ist (wie alle regierungsrätlichen Ankündigungen) wahr geworden. Unter schaufelnder Anteilnahme der Anwohnerschaft und Stadtgärtner Truebs ist eine Prunus avium plena gepflanzt worden. Für den nahen Rosario am Spalenberg ist sie ein Ciliego, für die Frankophonen am Holbeinplatz ein Bigarreautier, für uns von schlichter deutscher Zunge eine Vogelkirsche. Sie habe edles rotes Holz, gut für schöne Gegenstände wie Musikinstrumente, könne dreissig Meter hoch werden und liebt die Sonne und Lesestein-Haufen. Da wird sich der Herzwurzler richtig freuen, wenn ihn die unter ihm liegende alte Burkhard’sche Stadtmauer kitzelt. Und umso herrlicher im April duften, wenn die weissen Blütenbüschel prangen. Als Mondbaum soll er Baumgeistern und armen Seelen, von denen es gerade hier genug hat, Heimat bieten.

Hüten muss sich die Vogelkirsche nur am 4. Dezember, dem Namenstag der obersten Chefin der Stadtgärtnerei. Da könnten nach altem heidnischem Brauch junge Mädchen sich seine Zweige als Orakel brechen. Blühen die ins Wasser gestellten «Barbarazweige» vor der Wintersonnenwende, so gilt das als gutes Vorzeichen. Tun sie es nicht, dann ist Übles zu befürchten. Euphorisch, wie wir jetzt vorübergehend sind, setzen wir mal auf Blühen. Obwohl Stadtgärtner Trueb vermutet, das Arlesheimer Rosengewächs werde zuerst mal gegen den Schock der Umpflanzung nach Basel mit Blühstreik protestieren.

Jetzt ist sie schon einige Zeit erneut abgesägt, die Vogelkirsche. Und wieder wird versprochen, es komme wieder ein neuer Baum an die verwaiste Stelle über das teure Gitter.

Emanuel Trueb himself, Tambourmajor der Schnoogekerzli und Oberhaupt der Stadtgärtnerei hat es gesagt.

Warum der Baum eingegangen ist, weiss niemand so recht. Peter Strub, anteilnehmender Heu- und Spalenbergler meint, es seien vielleicht die Raucher und Raucherinnen, die anständigerweise ihre Stummel nicht auf die Strasse werfen wollen, sondern sie diskret in der Baumscheibe unter den Gittern verstauen (siehe Bild unten). Da man weiss, das solche Raucher eher braune als grüne Daumen haben, kann das ja nicht gut kommen. Peter Strub rät denn auch, man solle die Gitter irgendwie so gestalten, dass es nicht zu diesen Nikotin- und Teereinspülungen kommen kann.

image* Auch von der nackten Holzgestalt war im März 2005 in der BaZ die Rede:

Nackt am Graben

Man weiss es. Einiges von Basels einzigartigem Kulturerbe ist wegen der Unbill der Zeit absterbend und muss leider entfernt werden. Zum Beispiel am Leonhardsgraben. Dort wo man ihn vom Spalenberg aus durch die Passage betritt. Da ist sie letztes Jahr noch gestanden, die Aesculum hippocastanum, eine einfache Rosskastanie. 198 Zentimeter Umfang hatte sie am Schluss, 28 Zentimeter mehr als Pharao Tutanchamun gross war. Stolz stand sie seit eh im kleinen Inselchen, auf dessen Rand oft die Kinder sassen. Doch gequält durch all das, was – aus den Augen aus dem Sinn – neben ihre und statt ihrer Wurzeln verstaut worden ist, wurde sie zum «absterbenden oder abgestorbenen» Mitglied des Kulturerbes erklärt, des grossen Grünen dieser Stadt, das aus 24 000 Bäumen besteht. Ein Vierundzwanzigtausendstel hat man hier aufgegeben. – Einfach so durfte sie nicht gehen. Zuerst kam der als Künstler verkleidete Mann mit der Kettensäge (oder umgekehrt), und als der den Baum verlassen hatte, fror statt des rindigen Stamms ein überlebensgross nacktes Weibsbild in der Kälte des Grabens, mit zwei übriggelassenen Rindenresten als Brustwarzen. Die Sägekunst machte den Ort gefährlicher. Viele Vorübergehende, Frauen vor allem, hielten sich die Augen zu, weil sie das, was da stand, keineswegs hübscher, sondern beleidigend fanden.

Jetzt können alle wieder offenen Auges in den Graben zweigen. Das Ding ist weg. Der Asphalt zu. Ersatz war vorerst nicht vorgesehen. Darüber freute sich die stramme Verkehrstafel. Auf ihr erbleicht, von keinem Stadtgrün mehr verdeckt, grau unter querem Strich die alleinerziehende Mutter mit Kind, das offizielle Signal für «Ende der Fussgängerzone» und stille Anweisung, die Augen wieder zu öffnen für motorisierte und schienengebundene Gefahren. Die Tafel-Freude wird vielleicht kurz sein. Durchs Quartier eilt die Botschaft, die Bitte einer goldverarbeitenden Baumnachbarin sei erhört worden: Es komme doch wieder ein Baum hin, und ein Bänkchen dazu. Mög er so lange leben, bis es Kettensägen nur noch im Museum gibt.

Man sieht, schon damals litt der Baum an dem, was man ihm vor die Füsse warf.

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