Innerstadt für alte Menschen gefährlich?

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Von links nach rechts: Balz Settelen, Pro Innerstadt; Peter Strub, Quartierverein Lääbe in der Innerstadt; Patricia von Falkenstein, Präsidentin Pro Senectute; Heiner Vischer , Grossrat LdP, hier Moderator; Martina Münch, Leiterin Stadtgestaltung Basel-Stadt; Georg Mattmüller, Geschäftsführer Behindertenforum Basel.

 

  • Braucht es flächendeckende holprige Bsetzi aus Alpnacher Quarzsandsteinen, wie man sie neuerdings in der Grünpfahlgasse auf dem Weg vom Rümelinsplatz zur Hauptpost überqueren muss?
  • Wäre es nicht sinnvoll, für Fussgänger und Fussgängerin aber eben auch für auf einen Rollstuhl oder Rollator Angewiesene einen Asphaltstreifen vorzusehen, wie er am Spalenberg und an der Rittergasse auch von sehr sportlichen und unbehinderten Passanten in der Regel zum Vorwärtskommen genutzt wird?
  • Muss dies nicht gerade auch für den steilen Münsterberg  gelten, dessen Belag noch nicht definitiv gewählt oder noch nicht bekannt ist?
  • Was bringen uns die behindertengerechte Umrüstung von Tramhaltestellen wie etwa am Marktplatz mit den vorgeschriebenen mindestens 27 Zentimeter hohen Bordkanten? Oberschenkelbrüche?
  • Sollten die Trams nicht schon deswegen statt 30 nur 15 Kilometer pro Stunde fahren?

wp-1460653657683.jpgSolche und verwandte Fragen wurden am Donnerstagabend ab 19 Uhr für eine Stunde in einem schönen kleinen stuckgeschmückten Saal im Goldenen Lamm im Kleinbasel – an einem Podium diskutiert. Eingeladen hatte die Liberal-demokratische Partei und an der von Grossrat Heiner Vischer moderierten lebhaften Diskussion kamen Balz Settelen als Vertreter von Pro Innerstadt, Peter Strub aus dem Vorstand unseres Quartiervereins, Patricia von Falkenstein, diesmal als Präsidentin von Pro Senectute, sowie Martina Münch als Leiterin der Stadtgestaltung und Georg Mattmüller als Geschäftsführer des Behindertenforums Basel samt Publikum zu Wort.

 

Mehr Bänke für Alte – und Junge

Zuerst war man sich einig, dass es gut wäre, man hätte noch mehr Sitzgelegenheiten, Bänke und ähnliches, weil die alten (und wie Patricia von Falkenstein meint, sehr wohl auch die jungen) Flanierenden sich gern mal hinsetzen. Mit den Bänken (also dem Wunsch) renne man bei Pro Innerstadt offene Türen ein, man sei mit der Verwaltung in der Diskussion, sagt Balz Settelen. Frau Münch meint anderseits, dass man bereits 300 Bänke in der Stadt habe, aber natürlich noch neue aufstelle, wenn dafür die richtigen Orte gefunden werden können. Was eben nicht immer – wie zum Beispiel in der Freien Strasse – so einfach sei.

Man denke aber auch schon an mobile Sitzgelegenheiten, die je nach Tageszeit aufgestellt und abgeräumt werden könnten. Die BVB-Haltestellen gelten als sitzbedürftg und niemand war wirklich dagegen, da vorwärts zu machen.

Kritik wurde dann aber an der Wahl der Bodenbeläge geübt. Zwar sieht das verabschiedete Gestaltungskonzept (Martina Münch: „so was wie ein Kochbuch“) verschiedene Möblierungsarten vor, die jeweils historische Gässlein und andere Wege unterscheidbar machen sollen, aber der Start mit den Quarzstein-Quadern aus Alpnach in der Grünpfahlgasse (siehe Bild, bei der Verlegung)
wird als misslungen erachtet.

OLYMPUS DIGITAL CAMERADie Oberflächen sind rauh und auch für gesunde Füsse ist das Gehen unangenehm. Das Gerbergässlein gleich um die Ecke wurde mit Wacken besetzt und abgeschliffen. Für den über die Absicht nicht informierten Besucher ist Bedeutung dieses Wechsels nicht einfach einsehbar.

Asphaltstreifen und Geschichte

Georg Mattmüller findet, man hätte in beiden Gassen einen Asphaltstreifen vorsehen müssen. Am Beispiel Spalenberg könne man heute sehen, dass jetzt Rollstühle mit einer Elektrohilfe ihrer Fahrer durchaus auch den Spalenberg aufwärts gefahren werden können. Wäre er durchgehend mit Bsetzi gedeckt, wäre das nicht möglich. Martina Münch sagt, dieser Grünpfahl-Stein sei auch anderswo verlegt und scheint nichts mehr davon zu halten, dass man die Oberfläche flacher schleift. Möglicherweise ist es ja einfach der falsche Stein, den man gar nicht so bearbeiten kann.

Auch auf dem Münsterplatz

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hätte der Vertreter der Behindertenorganisationen lieber Asphalt vorgesehen. Martina Münch dagegen meint, man habe auch aus denkmalschützerischen Gründen durchgehend Wacken gewählt, aber eben mehr oder weniger breite Bahnen glatt geschliffen. Damit seien mehr flache Gehwege über den Münsterplatz verfügbar als zuvor. Die grossen Strassenzüge wie die Greifengasse werden mit den Platten bedeckt, die vor der Safranzunft zuerst ausgelegt wurden.

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Die abgeschliffenen Rheinwacken, am Ende eine teure Sache, ist übrigens eine Basler Entwicklung. Sie wurden hier erstmals verlegt. Sie wurden mit Pro Infirmis als Kompromiss ausgetüftelt, verrät Frau Münch. Später wird es auch noch um die Frage gehen, ob die grossen Alpnacher Platten und Steine in der Kälte nicht schnell rutschig wären. Nein, sagt Frau Münch, das habe die Eidgenössische Materialprüfungsanstalt Empa abgeklärt.

Was das Abschleifen der Steine betreffe, so hätte es der Denkmalschutz eigentlich lieber gehabt, wenn sie bucklig geblieben wären, wie früher halt. (Nur hatte es da noch Pferde und andere Mist produzierende Lebewesen. Die sind heute woanders und helfen nicht mehr, die Fugen glatt zu stampfen.)

Der Sturz von der hohen Kante

Schliesslich macht Peter Strub darauf aufmerksam, dass die eidgenössisch vorgeschriebene behindertengerechte Gestaltung der Tramhaltestellen etwa auf dem Marktplatz mit 27 Zentimeter hohen Kanten (die einen ebenen Einstieg ins Tram erlauben) grosse Probleme bringen dürfte, weil man dann Schwierigkeiten haben wird, auf die andere Seite zu kommen. Auch Georg Mattmüller sorgt sich, dass diese Querungen Probleme bringen könnten. Klar ist, dass die Massnahmen laut eidgenössischer Vorgabe bis 2023 installiert sein müssen. Peter Strub fordert, Trams müssten mit 15 statt 30 Kilometern wie heute fahren, wenn es mal so weit ist und mehr oder weniger gehfähige Menschen die Trassees überqueren werden müssen. Sonst seien sie doppelten Gefahren ausgesetzt.

Martina Münch meint, vielleicht könne man auch aus anderen Gründen (Sehbehinderte) vielleicht gar keine Doppelhaltestelle mehr in alter Art betreiben (was vielleicht positiv für die Gestaltung von Querungen wäre), merkt aber auch an, dass nicht nur Rollstuhlfahrer, sondern auch Fahrgäste mit Kinderwagen, Koffern und sperrigen Lasten es komfortabel finden werden, eben einsteigen zu können, und das an mehreren Einstiegen eines Trams. Ob man da auch mal Ausnahmen machen kann, wird bezweifelt.

Trams, die an noch niederere Haltstellenkanten fahren könnten, gebe es für Basel keine. Da Basel nicht flach ist, könnte ein zu tiefgehendes Tram einfach mal aufsetzen.

Dann meldet sich noch eine junge Frau aus dem Rollstuhl und beklagt, dass oft die Auffahrtrampen an den Trottoirs fehlen würden oder falsch konstruiert seien. Frau Münch verspricht, wo immer vernünftig, Abhilfe.

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Na ja, und dann hätte man noch über Velos reden können, aber die Stunde war um.

Fest steht: die Innerstadt  gibt noch immer einiges zu diskutieren.