Linden in Gefahr oder RR Wessels und die süssen Läuse

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Rümelinsplatz heute: Zwei Ginkgos vorne beim Brunnen, zwei Linden hinten vor der Schmiedenzunft. Foto Peter Strub

Laubbäume wie Linden, die an heissen Tagen dichten Schatten spenden und während der Blüte herrlich duften, müssen in Basel vielleicht künftig um ihr Leben fürchten.

Vor allem wenn unter ihnen gesessen (und gegessen) wird.

Denn es könnte ihnen gehen, wie das für die zwei Linden und die beiden Ginkgos auf dem Rümelinsplatz vorgesehen ist: Sie werden gefällt und zum Beispiel durch in Nordamerika beheimatete gefiedert blättrige Gleditschien ersetzt.

Gleditschien sind in Basel offenbar die  Bäume der Wahl, weil sie dank ihrem „fiedrigen Blattwerk“ lichten (also von Sonnenstrahlen durchbrochenen und darum keinen vollen) Schatten spenden und gegen Klimaveränderung und „innerstädtische Herausforderungen“ resistent sein sollen.

So steht es in einer Antwort, die der offenbar gern licht beschattete Regierungsrat Hans-Peter Wessels auf eine Eingabe des Vorstands des Quartiervereins Lääbe in der Innerstadt auf Pfingsten geschickt hat.

In dieser Eingabe war gegen die geplante Fällung der vier stattlichen (und anscheinend gesunden) Bäume protestiert und darauf hingewiesen worden, dass in den Wettbewerbsvorgaben für die Neugestaltung des Rümelinsplatzes ausdrücklich „der Baumerhalt hat erste Priorität“ gestanden hatte. Siehe hier.

Zum Sieger aber wurde das Berliner Projekt „Platzlichtung“, das tatsächlich eine totale Lichtung des Baumbestandes – zwei 50jährige Ginkgos, zwei ebenso alte Linden – und deren Ersatz durch bis zu acht nordamerikanische Gleditschien vorsah, wie sie bereits am Barfüsserplatz anstelle von Linden nach aufwendiger Wurzelpflege gepflanzt worden waren.

Die Jury setzte gar noch einen drauf, indem sie die Berliner „Lösung“ als besonders „mutig“ lobte. Wohl weil sich Berlin an keine Vorgaben hielt.

Gleditschien, so schreibt uns nun RR Wessels hielten eben dem Klimawandel und den Basler „innerstädtischen Herausforderungen“ (was auch immer das in der nun verkehrsarmen City sein soll) stand und hätten neben dem „leichten Schattenwurf “ noch den Vorteil, dass sie im Herbst dank „Gelbfärbung der Blätter den Platz aufhellen und eine freundliche Atmosphäre an den kürzer werdenden Tagen schaffen“. Das aber wäre exakt das Argument, das dann auch für das stolze Ginkgopaar gelten müsste, denn Ginkgos sind hier und vor allem in Asien darum beliebt, weil sie im Herbst sich in strahlendes Gelb kleiden. Siehe Bildbeispiel Tokio:

xyzexyze_icho_namiki_225Zudem werden die urtümlichen Ginkgos von keinen Schädlingen heimgesucht und ein Ginkgo soll sogar den Bombenabwurf über Hiroshima überlebt haben, wie keine geringere Institution als das Smithsonian in Washington bestätigt. Da werden die Bäume wohl auch die offenbar besonders harten „innerstädtischen Herausforderungen“ Basels aushalten.

Ginkgos sind zudem – anders als Linden – für Blattläuse unappetitlich. Den Linden aber können Blattläuse in Basel todgefährlich werden. Wo sie sich an Blattsaft laben, tropft es ein bisschen. Auch auf Bänke unter den Bäumen. „Der klebrige Film entsteht durch den lindentypischen Lausbefall und deren sogenannte Honigtau-Absonderung“, belehrt der Vorsteher des Baudepartements den Vorstand des Quartiervereins. Klebrige Sitze aber widersprächen dem „Wunsch der Bevölkerung nach Möglichkeiten“ für wörtlich „Aufenthalt, Sein und Geniessen“.

Ein bisschen Klebrigkeit reicht also neuerdings, um das Sein der Bäume zu gefährden und die altbewährten, mit allerlei Kräften besetzten und herrlich duftenden Lindenbäume einfach umzuhauen. Blattläuse sind in des bekanntlich vielbeschäftigten Regierungsrats Schreiben klebriges Argument für das Umhauen der stolzen und gesunden Linden, unter denen (sub tilia) seit altersher besonders weise Beschlüsse und milde Urteile gefasst werden – das Wort subtil soll daher kommen, sagt Lukas Alioth.

Es sieht also gar nicht so aus, als ob die Jury sich bei ihren Beratungen sub tilia unter die Linde gesetzt hätten. Da war es vielleicht schon zu klebrig. Zur Zeit allerdings setzen sich Menschen zuhauf unter die linden Bäume und verzehren Mitgebrachtes oder plaudern.

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Auf städtischem Zwischenmobiliar Pause im – Schatten.

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Manche bringen sogar eine Zeitung mit, auf die sie sich, wenn sie sie auch nicht lesen, so doch setzen.

Wen immer man fragt, niemanden haben wir bisher gefunden, der versteht, warum man die vier Bäume fällen soll. Manche im Quartier wollen gar, wenn es darauf ankommt, da sein und sich an die Bäume klammern oder hochklettern. Wie dies manche gestandene Politiker in ihren Jugendjahren, als ihnen das Klettern noch ging, getan hatten.

Ach ja, auch an der Bsetzi will RR Wesssels nichts ändern und lieber Wacken schleifen, bis sie zur Unkenntlichkeit ahistorisch flach werden. Aber lest selbst, der Brief ist hier zu finden. 

Was der abtretende Vorstand als Antwort geschrieben hat, steht hier.

Heute, am 7. Juni, wird das auch Thema an der Mitgliederversammlung im Teufelhof sein, wo ab 19.45 ein wohl siebenköpfiger neuer Vorstand gewählt werden könnte, der das alte Dreierkollegium ablöst und mit neuer Kraft den stolzen Verein mit seinen 200 Mitgliedern weiterführt.

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PS: Die weise Regierung könnte natürlich gegen zuviel Klebrigkeit auch das Urban Beekeeping fördern. Bienen nämlich lieben die von den Blattläusen abgesonderten  Zuckertröpfchen und tragen sie nach hause, um daraus „Blatthonig“ zu machen.

Vielleicht müsste man nur die Zahl der umliegenden Völker erhöhen, und schon wär aufgeräumt mit dem klebrigen Tropfen und Argument. Das süsse Produkt liesse sich als Rümelins- oder Kuttlebutzer-Honig unter die Leute bringen. Am Rümelinsbach haben hier früher Metzger Kutteln geputzt.

Honig vom Ort helfe gegen lokal verursachte Allergien, heisst es in volksmedizinischen Zirkeln. Was in Sachen Rümelinsplatz ja wirklich akut zu behandeln wäre.

Hier noch ein Beispiel süsser Ernte mit Urban Beekeeping im letzten Jahrtausend und Blatthonig von den Linden vor der Peterskirche, unter denen es – igitt – auch Sitzbänke hat.

 

 

 

Schon früher galt: Unter Linden ist guter Rat zu finden…

dorflindeSchüpfheimDiebold-SchillingChronik1513

Klebriges Sitzen in Schüpfheim…

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