Das Interview des Monats: Ali und Besey Sazpinar vom Restaurant Pinar an der Herbergsgasse

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QV: Ali und Besey, von wo kommt ihr ursprünglich?

Ali Sazpinar (AS): Wir kommen aus der Provinzstadt Kahramanmaras, Kreisstadt Pazarcik in der Türkei. Das ist vom Meeresstrand Südtürkei etwa 300 Kilometer.

QV: Wie habt ihr beschlossen nach Basel zu kommen und warum?

AS: Wir haben beide einen Matura Abschluss in der Türkei. Ich war in einer pädagogischen Hochschule angemeldet zum weiterstudieren. Meine Frau Besey wurde nach dem Examen angestellt um als Staatspersonal auf dem Grundbuchamt zu arbeiten und hat da zwei Jahre gearbeitet. Da war es für mich als Student nicht gut gewesen, da die Schule, wo ich angemeldet war, wegen Unruhen nach kurzer Zeit wieder geschlossen wurde. Ich wurde mehrere male festgenommen weil ich an einer 1. Mai Kundgebung teilgenommen oder Flugblätter verteilt hatte. Meine Wohnung wurde auch durchsucht und Bücher wurden mitgenommen auf den Polizeiposten. Da habe ich beschlossen, dass ich nicht länger da bleiben wollte sondern aus der Türkei ausreisen wollte.

Besey Sazpinar (BS): Ich war auch bei den politischen Unruhen dabei, da musste ich meine Stelle verlassen. Ali war da schon in der Schweiz und ich wollte auch rauskommen aus der Türkei.

AS: Hier muss man noch anfügen, am 20. Dezember 1978 hat es in der Privinzstadt Karamanmaras, wo wir herkommen, ein Massaker gegeben. Die Radikalislamisten zusammen mit den Nationalisten haben bei der kurdischen Bevölkerung Wohnungen und alles in Brand gesteckt. Wir waren dabei auch betroffen davon, waren aber Ueberlebende bei diesen Angriffen.

BS: Das alles hat vier Tage gedauert und mehr als 1000 Menschen sind dabei ums Leben gekommen, auch Fauen und Kinder und ältere Menschen. Das ist eine längere Geschichte. Aber wir wollten so wirklich nicht mehr da bleiben.

QV: Konntet ihr dann hier Asyl beantragen?

AS: Ja. Ich bin dann zuerst mit Hilfe von meinem Onkel nach Deutschland gekommen und blieb dort im ganzen dreieinhalb Jahre. Ich war der Erste aus unserer Umgebung der dort damals einen Asylantrag gestellt hat. Nach dem Antrag war ich sechseinhalb Monate lang schwer krank und musste diese Zeit in einem Sanatorium in Deutschland verbringen. Ich hatte damals eine Vorladung zu einem Verhandlungstermin der Asylbehörde bekommen, habe den aber wegen der Krankheit verpasst. Dadurch habe ich mich dann sozusagen schwarz in Deutschland aufgehalten.
Ich habe mich dann entschieden in der Schweiz einen Asylantrag zu stellen. Dadurch bin ich am 30. Mai 1983 von Deutschland nach Basel gekommen und habe hier Asyl beantragt.  Besey war da immer noch in der Türkei. Für mich war aber klar, dass ich nicht in die Türkei zurück wollte. Wenn wir eine gemeinsame Zukunft haben wollten, war klar, dass Besey nach Basel kommen musste. Ich habe ihr dann geholfen dabei und sie ist in die Schweiz gekommen.

BS: Ich war zuerst 15 Monate im Kanton Tessin. Ich habe dann nach kurzer Zeit angefangen in einem Restaurant in der Küche zu arbeiten. Ali und ich durften aber als Flüchtlinge nicht heiraten hier in der Schweiz, dazu mussten wir einen anerkannten Flüchtlingsstatus haben. Nach einem langen Kampf konnten wir dann heiraten, dann bin ich nach Basel gekommen.

AS: Ja, wir haben 1985 hier in Basel auf dem Zivilstandsamt an der Rittergasse offiziell geheiratet. Ich war auch nicht lange arbeitslos, nachdem ich hier angekommen bin. Nach wenigen Monaten habe ich eine Stelle bei einer Gärtnerei in Bottmingen gefunden und blieb dort für 17 Monate. Dann hatte ich noch mehrere andere Stellen, wo ich gearbeitet habe.
Dann im Oktober 1990 hat Besey zusammen mit einer Bekannten den Vorschlag gemacht, selbständig zu werden und einen kleinen Laden zu eröffnen mit Lebensmitteln und türkischer Metzgerei. Wir mussten aber noch einen Raum finden. Wir konnten dann diesen Raum hier mieten, wir haben ihn umgebaut mit Kebabstand und Laden und kleiner Imbissecke und haben ihn 1991 im Oktober eröffnet. Im ersten Jahr ist der Kebabstand ganz gut gelaufen aber der Laden gar nicht. Wir haben dann im 1993 ein Gesuch eingereicht für einen Restaurantbetrieb und haben die Bewilligung bekommen. Wir haben über Ostern einen kleinen Umbau gemacht und den Laden in ein Restaurant umgewandelt.

QV: Habt ihr aber das Restaurant in der Zwischenzeit nicht schon mal renoviert?

BS: Ja, drei mal im ganzen. Im 1991 waren das ja drei Läden nebeneinander, diese haben wir dann nach und nach zusammengelegt.

AS: Das war auch eine alte Liegenschaft. Diese wurde im 1995 versteigert und von einer Stiftung der Universität gekauft. Wir haben dann bald einen Brief bekommen von der Stiftung wo uns gesagt wurde, dass die Liegenschaft totalsaniert würde, dass sie aber kein Restaurant mehr darin haben wollten. Hans Nidegger, der Gründer von Ueli Bier hat das dann mitbekommen. Für uns war das natürlich ein Schock, dass wir da ausziehen sollten. Hans Nidegger hat dann zusammen mit anderen Leuten an die Uni Stiftung geschrieben und uns unterstützt.
Nach ein paar Wochen haben wir eines Tages eine telefonische Platzreservierung bekommen für drei Personen. Das waren drei Frauen von der Uni Stiftung, die hier gegessen haben. Diese haben uns dann nach dem Essen mitgeteilt, dass sie von der Stiftung sind und sie an einer nächsten Sitzung mit dem Stiftungsrat ein gutes Wort für uns einlegen wollen. Wir hatten bald danach auch noch ein Treffen mit dem Präsidenten der Stiftung, Christoph Albrecht, ein Jurist, und wir hatten einen Studenten der juristischen Fakultät dabei. Man hat uns dann erlaubt, das Restaurant nach der Renovierung weiterhin zu betreiben. Wir hatten von Oktober 1996 bis Oktober 1997 eine Pause, da das Gebäude saniert wurde. Seither sind wir Mieter von der Uni Gästehausstiftung.

BS: Und gerne hier!

QV: Ihr fühlt ihr euch wohl hier im Quartier?

AS: Ja, sehr! Ich möchte noch was erzählen dazu. Als es 1995 bekannt wurde, dass wir bald schliessen müssen, kam eines Tages Peter Strub vom Quartieverein ins Restaurant und hat gefragt, ob er ein Foto von uns machen darf, er wolle einen kleinen Bericht mit Foto in die Quartierzeitung schreiben um uns zu unterstützen.

QV: Der Bericht muss aber fast in die erste Ausgabe der Zeitung gekommen sein, da der Verein 1995 gegründet wurde. Ich kann mal im Archiv nachschauen.

AS: Also der Ort wo wir uns wohl fühlen und wir gerne sind ist hier. Auch mit dem Quartierverein….

BS: …..und den Nachbarn haben wir’s sehr gut, viele kennen wir persöhnlich.

AS: Letztes Jahr am 15. Oktober – das fünfundzwanzigste war nicht möglich – haben wir das sechsundzwanzigste Jubiläum gefeiert an einem Sonntag und haben Gäste und Nachbarn eingeladen. Es sind etwa 200 Leute vorbei gekommen und haben uns begrüsst und wir haben zusammen geplaudert. Das war wirklich sehr schön. Wir möchten das gerne mal wiederholen.

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