20 Jahre QV

Ein starker Anfang und überhaupt keine Ende
Zwanzig Jahre Quartierverein „Lääbe in der Innerstadt“ – 1995 bis 2015

Zwei Jahrzehnte sind es im Juni 2015 her, dass der Quartierverein „Lääbe in der Innerstadt“ gegründet worden ist. Aus den Akten lässt sich lesen, wie viel Arbeit da zu leisten war und wie viele Leute aus dem Quartier sich engagiert haben. Erfolge und Enttäuschungen wechselten sich ab. Zwanzig Jahre danach kann man mit Stolz sagen: Wir sind noch da und stärker denn je aufgestellt!

Es war ein starker Anfang im Frühling 1995. Eine Gruppe engagierter Grossbasler Altstadtbewohnerinnen und -bewohner, oft Eltern kleiner Kinder, hatten genug davon, ständig übersehen oder – wenn überhaupt – als überprivilegierte Verhinderer wahrgenommen zu werden. Das Quartier Grossbasler Altstadt, von aussen gern nur als Fest- und Einkaufs-Meile gesehen, musste endlich auch als Wohnort wahrgenommen werden. Ein neuer Quartierverein, wie ihn die Nachbarn längst erfolgreich betrieben, sollte dafür eintreten, dass die Innerstadt wohnlich bleibt und damit auch die Qualität für Besucher steigt. Damals durfte man noch mit Tempo 50 durch die Innerstadt fahren. Nur mit Blumenkisten vor der Tür konnte man am Heuberg die Kinder davor bewahren, beim Verlassen des Hauses gleich überfahren zu werden. Wer immer mit dem Auto kam, stellte es irgendwohin. In der Regel ohne Konsequenzen.

Der Verein wollte sich für kurze Schulwege und sichere Spiel-Orte für die Kinder, aber auch Treffpunkte der Erwachsenen einsetzen und sich zur Nachbarhilfe vernetzen. Geselligkeit werde so gefördert und die Menschen, die hier wohnen – jung und alt – zusammenbringen. Nach intensiver Vorbereitung fand am 27. Juni 1995 die Gründungsversammlung statt. 15 Anwesende zählt das Protokoll an diesem historischen Anlass. Man verabschiedete Statuten und wählte “Quartierverein Lääbe in der Innerstadt“ als Name und Programm. Apotheker Kurt Hersberger wurde erster Präsident, Architekt Peter Strub Vize, Dagmar Vergeat übernahm als Herz und Organisationstalent das Sekretariat, Bankier Patrice Humbel, Antoinette Giese und Regine Fellmann-Brogli ergänzten das Team. Drei Frauen, drei Männer. Vorbildlich.

Ohne Email und Doodle – das Internet war erst im Kommen, von Google und Facebook noch keine Spur – war es gelungen, den Aufbruch zu organisieren. Arbeitsgruppen zu Schule und Verkehr hatten sich vorbereitet, eine Petition sollte sich dafür stark machen, dass auch in der Petersschule die Orientierungsstufe (OS) eingeführt wird und die Kinder nicht in Aussenquartiere zur Schule gehen müssen. Im Verkehr wollte man einfache beruhigende Massnahmen wie Tempo 30 fordern, wohl wissend, dass die Verkehrsabteilung sich als „sehr hartnäckig“ erweisen konnte. Doch bereits schien der grosse Durchbruch vor der Tür: „Die Fussgängerzone ist im Kommen“ heisst es schon im ersten Protokoll. Leider nur im Prinzip. Noch fast zwei Jahrzehnte sollten die Mühlen mahlen. Und mahlen und mahlen…

Die Gründung wirft Wellen. In der sommerlichen Basler Zeitung stellt Raphael Suter ausführlich dar, was der neue Verein will. Auch in der Verwaltung wird man aufmerksam. Allgemeiner Tenor: Endlich sind sie da, die Bewohner der Innerstadt. Auf dem neu gedruckten Briefpapier prangt das von Grafiker Robi Schmid entworfene Logo. Er gestaltet auch den Flyer, der auf den 20. August 1995 zum ersten Brunch oder Bürgerzmorge in der Innerstadt einlädt und eine Tradition begründet, wie sie auch ein Anlass im Advent auf dem Petersplatz werden wird. Der Verein wächst rasch und durchbricht die Hundertergrenze in wenigen Tagen. Im Dezember erscheint eine „Nullnummer“ der Quartier-“Zyttig“ im gefalteten A3-Format. Ein Netzwerk mit Dienstleistungen und Nachbarschaftshilfe wird vorgestellt.

Im „Schnabel“ ist am ersten Montag des Monats nun ein Stammtisch reserviert. Spielnachmittage werden auf dem Petersplatz gestartet, die Druckerei Cratander hilft beim Transport der Spielkisten. Zu reden gibt als erstes Thema der Lohnhof. Aus dem Gefängnis soll ein Ort des edlen Wohnens werden. Ob daneben auch Quartier-„Lääbe“ Platz hat? Im Pförtnerhäuschen vielleicht einen Treffpunkt für Jugendliche einrichten? Im März 1996 wird ein prominent besetztes Podium in der Safranzunft organisiert. 150 Gäste kommen. Es ist das erste einer ganzen Reihe, die der QVLidI veranstalten wird. Doch bleibt alles offen.

Am 5. Juni 1996 findet die erste formelle Generalversammlung des Vereins im Pfluderi-Keller statt. Mehr als 150 Mitglieder zählt man jetzt. Mit den Familien zusammen sind da viele „Seelen“ vertreten. „Lääbe in der Innerstadt“ ist auf gutem Weg, die beste Abdeckung pro Quartier zu erreichen.

Aber es gibt erste Enttäuschungen. Die Petition OS ist nach langem Schweigen negativ beantwortet worden (doch zu wenig Kinder). Im Lohnhof bleibt alles unklar und ohne Ergebnis für den Verein. Stammtisch und Quartiernetz haben es schwer. Dafür sind die Spielnachmittage ein Erfolg und die Kontakte mit der Verwaltung werden besser und normaler. Sie will – so heisst es im Protokoll – nur Probleme gemeldet und nicht gleich Lösungen präsentiert haben…

Beim ärgerreichen Thema Verkehr zum Beispiel. Der Verein setzt sich mit anderen für einen autofreien Münsterplatz und allgemeine Verkehrsberuhigung ein. Die angebahnte Kommunikation mit der Verwaltung führt zu Verbesserungen. Vor der Passage Leonhardsgraben zum Heuberg wird nach unseren Wunsch ein Fussgängerstreifen aufgemalt, um den Fussgängern mehr Schutz zu bieten. Auch die Einmündung der Rosshofgasse in den Petersgraben wird sicherer.

Der Vorstand lernt laufend dazu und wechselt in den Jahren seine Zusammensetzung. Nur Dagmar Vergeat und Peter Strub sind von Anfang bis heute dabei. Als Kurt Hersberger wieder ins Glied zurücktritt, übernimmt 1999 Peter Strub. Ab 2001 und bis heute wird Dagmar Vergeat das Präsidium führen. Wenn das nicht einen Schappo wert ist!

Der Gründungszeitpunkt erwies sich als goldrichtig. In die öffentliche Diskussion um die Innerstadt kommt bald Bewegung. Ein Glück, dass sich der Verein mit festen Strukturen etabliert hat. 1997 werden vom Verein in einer „Vision 2000“ Grundsätze für ein rasch realisierbares Verkehrskonzept formuliert und propagiert. Neu macht sich in offiziellem Auftrag die „Werkstadt Basel“ ans Werk und der Verein beteiligt sich an Innovationswerkstätten und Meetings. Am Ende hat unser angeblich privilegiertes Quartier wenig vom Erneuerungsprogramm. Doch der QV hat sich gezeigt.

Das tut er auch 2001: Der Leonhardskirchplatz soll angeblich sanft erneuert werden. Als klar wird, dass nachher alle Bäume an einem andern Ort stehen, also radikaler Neubewuchs geplant ist, stellt sich der Verein mit Anwohnern und Kirchen quer. Der Erfolg ist noch immer zu besichtigen: Der alte Platz bleibt geheimnisvoll lauschig.

Laut und gar nicht lauschig geht es dagegen unten im Tal auf Strassen und Plätzen zu. Mit zunehmender Tendenz. 2002 veranstaltet der Verein ein Podium, das der Frage nachgeht, wieviel Lärm unser Quartier denn ertragen kann. Ärger bereiten vor allem die Berge von Abfall, die liegen bleiben. Und das Wildpinkeln. Die alte Stadt stinkt ab und zu in den Himmel.

Aktiv wird der Verein auch, wenn es um grosse Projekte geht – etwa das neue Casino von Zara Hadid. Dass die Innerstadt als mögliche Flanierzone gestaltet werden könnte, war Thema eines frühen Podiums, das starken Widerhall fand.

Die Diskussionen sind notwendig. Auch im Verein sind die Meinungen ab und zu kontrovers. Der Vorstand muss oft handeln, ohne immer zu wissen, was die Mitglieder denken. 2009 wird darum eine umfangreiche Befragung gestartet. Der Vorstand will herausfinden, was die Mitglieder bewegt. Der Rücklauf ist überwältigend und man weiss jetzt, wo überall der Schuh am meisten drückt. Das ist wichtig, denn mit der neuen Kantonsverfassung ist 2006 auch der Paragraph 55 in Kraft getreten. Er schreibt eine „Mitwirkung“ der Quartierbewohner in Fragen vor, die sie besonders angehen. 2007 erlässt die Verwaltung eine erste komplizierte Verordnung, wie Mitwirkung ablaufen soll. Ein Seilziehen beginnt. Die Regierung glaubt und hofft, dass es beim Mitwirken der Regierten mit Anhören getan sei, die Quartiere pochen eher auf echte Mitsprache.

2010 startet „Innenstadt – Qualität im Zentrum“ und wird als „Mitwirkungsprozess“ etikettiert. Schon gleich am Anfang gibt es rote Köpfe, denn von Bewohnern ist nur am Rande die Rede. Viele „Auswärtige“ sehen die Innerstadt auch als ihr Quartier und sind am Tisch versammelt. Im grossen Konzert gilt es, die Stimme laut zu erheben. Der Quartierverein wird dabei stärker. Er wird gar am Jurieren des Wettbewerbs zur Gestaltung der Stadt beteiligt – als nicht stimmberechtigte Teilnehmer. Nebeneffekt: Zwei Vorstandsmitglieder erhalten für zwei Tage stattliches Expertenhonorar. Und vergessen nicht, es auf die Conti des Vereins einzuzahlen. Es ist das erste und bisher letzte Geld aus öffentlicher Hand in der Vereinskasse.

Ein gutes Erlebnis war die Mitwirkung an der Sanierung des Spalenbergs und Umgebung. Befürchtungen wurden ernst genommen, manches kurzfristig verbessert. Am Ende kam alles weniger schlimm als befürchtet und ist man sichtlich bereit für das neue fussgängerfreundliche Verkehrskonzept. Fast zwanzig Jahre nach der Vereinsgründung tritt es am 1. Januar 2015 in Kraft. Nach einem peinlichen Fehlstart und mit einigen Diskussionen um die Ausnahmen, an denen sich auch der Quartierverein für seine Mitglieder beteiligen muss. Keine Spur vom versprochenen Runden Tisch mit den Betroffenen. Die Innerstadt ist fühlbar einladender für Fussgänger geworden. Jetzt muss nur noch das Angebot stimmen. Und den Velofahrern beigebracht werden, sich an die Regeln zu halten.

Es gibt einiges zu tun. Hässliche Orte müssen erneuert werden. Bald wird man bei der Auslegung des Gesetzes über die Nutzung des öffentlichen Raums (NöRG) mitreden müssen, wo es um die Bespielung der Plätze und letztlich Ruhe und Radau geht.

Die Bewohner und Bewohnerinnen der Innerstadt wissen, dass sie im lebendigen Zentrum einer spannenden Stadt leben. Dafür nehmen sie auch einiges in Kauf. Doch ihre Toleranz darf nicht überstrapaziert werden. Es braucht ihn, den QV Lääbe in der Innerstadt.


Im Archiv von Peter Strub: 20 Jahre in Dokumenten

Peter Strub, Gründungsmitglied und als Architekt im Vorstand für Verkehr und  Baufragen zuständig, hat über all die Jahre die Materialien der den QV betreffenden Geschäfte und Aktivitäten sorgfältig archiviert und in eine chronologische Reihenfolge gebracht. Die Liste gibt es hier.